Entscheidungen zu treffen ist eine zentrale Führungsaufgabe. Man kann nicht „nicht entscheiden“, denn auch eine hinausgezögerte Entscheidung ist eine Entscheidung. Oftmals ist eine verzögerte Entscheidung sogar die schlechteste Entscheidung, die man treffen kann.

Ich behaupte, in Unternehmen gibt es für eine Führungskraft nur schwierige Entscheidungen. Einfache Entscheidungen machen das Ergebnis schon aus der Faktenlage heraus klar. Es geht also vor allem darum, die Informationen sauber zu sichten und zu priorisieren, um zu einer logisch klar nachvollziehbaren Entscheidung zu gelangen. Das erfordert eine gute Systematik und Disziplin, ist aber relativ einfach.

Schwierig wird es immer dann, wenn – ggf. sogar unter Zeitdruck – Entscheidungen getroffen werden müssen, ohne alle Details zu kennen und die Folgen vollständig abschätzen zu können. „Gott spielen zu müssen“ nannte es mein Vater, wenn er besonders in Bezug auf Personen schwierige Entscheidungen treffen musste.

–          Ist Mitarbeiter A noch mit seinen Ergebnissen für das Unternehmen tragbar?

–          Hat Mitarbeiter B das Potenzial für die neue Führungsposition?

–          Können wir Mitarbeiter C das neue Projekt übertragen?

Er wollte damit zum Ausdruck bringen, dass ein Mensch solche Entscheidungen in letzter Konsequenz nie perfekt treffen kann.

Auch viele unternehmerische Entscheidungen fallen in diese Kategorie, wie zum Beispiel:

–          Sollen wir in die Anlage X investieren? – Wer garantiert uns, dass wir diese auf Jahre auslasten können?

–          Gehen wir in den Markt Y? – Können wir uns dort mit unseren Kompetenzen gegenüber dem Wettbewerb behaupten?

–          Entwickeln wir das Verfahren Z? – Wird es uns aus Kundensicht langfristig die entscheidenden Vorteile liefern können?

All diese Fragen können nicht rein analytisch entschieden werden. Selbst im Nachhinein ist es fast unmöglich zu sagen, ob die Entscheidung richtig war oder ob es nicht doch noch eine bessere Lösung gegeben hätte. Denn wenn wir den Weg A gehen, wissen wir nicht, was uns auf dem Weg B begegnet wäre. Eine Entscheidung für die eine Möglichkeit bedeutet immer auch eine Entscheidung gegen eine Vielzahl von Alternativen, deren Ausgang wir niemals kennen werden.

Wie können wir dann überhaupt entscheiden? Mit Verstand – und Gefühl. Das Gefühl, das auf Basis der Erfahrungen in der Vergangenheit entwickelt wurde und mit dem unser Unterbewusstsein uns eine sehr mächtige Unterstützung an die Hand gibt.

Eine Anekdote hierzu handelt von einem sehr erfolgreichen Unternehmer, der im hohen Alter gefragt wurde: „Was ist der Schlüssel Ihres großartigen Erfolges?“

Antwort: „Richtige Entscheidungen!“

Frage: „Woher wissen Sie denn, ob eine Entscheidung richtig ist oder nicht?“

Antwort: „Erfahrung!“

Frage: „Fantastisch! Wodurch haben Sie diese wertvolle Erfahrung bekommen?“

Antwort: „Falsche Entscheidungen!“

Doch unser Gefühl funktioniert nur dort, wo die Situation der Vergangenheit ähnelt. In neuen, unbekannten Ausgangslagen kann uns unser Gefühl dagegen völlig in die Irre führen – unsere Erfahrungen sind hier leider bedeutungslos. Vielleicht ist dies ein Grund, warum in der Internetbranche die Berufserfahrung so wenig zählt und hier Mitarbeiter unter 30 Jahren oft über alles geschätzt werden. Zu viele neue Entscheidungen unter neuen Prämissen?

Die Welt ändert sich dem Anschein nach immer schneller – die Rahmenbedingungen einer Entscheidung haben daher oft nur wenig mit der Vergangenheit gemein. Bei schwierigen Entscheidungen können sich also auch erfahrene Führungskräfte seltener auf ihr Bauchgefühl verlassen.

Als Unternehmer weiß man nur, dass man nicht nicht entscheiden darf. Und man kann letztendlich nur dafür sorgen, dass man gleichermaßen auf seinen Verstand wie die Emotion hört, die wesentlichen Fragen gut diskutiert und von verschiedenen Seiten durchleuchtet. Und dann eben nicht zu lange wartet, sondern den Schritt hinaus in die unbekannte Zukunft geht.

Die Verantwortung, die man als Unternehmer dabei nicht nur für sich, sondern für das Unternehmen und damit für die Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter trägt, erzeugt einen zusätzlichen Druck. Die Verantwortung führt aber auch dazu, die Unternehmensinteressen immer in den Vordergrund zu stellen und sich selbst die nötige Disziplin aufzuerlegen. Wenn man dann falsch entschieden hat – und das passiert zwangsläufig immer wieder – muss man sich im Spiegel ansehen können und wissen, dass man sein Bestes in der verfügbaren Zeit getan hat.

Mit zunehmender Erfahrung wird man dabei recht demütig. Man erfährt, dass man oft mit noch so viel Arbeit und Sorgfalt danebenliegen kann und lernt ein Element zu schätzen, welches meiner Ansicht nach zu oft von erfolgreichen Menschen unerwähnt bleibt: Glück.

Ist Erfolg nur vom Zufalls-Glück abhängig? Soweit würde ich nicht gehen. „Das Glück findet den Tüchtigen“ – man sollte an seinen Entscheidungen hart arbeiten, sie mutig treffen aber letztendlich wissen, dass es zum Erfolg immer auch das notwendige Maß an Glück braucht.