Familien­unternehmer Blog

von Andre Kuhn

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Unternehmensnachfolge

Immer wieder werde ich als Unternehmer gefragt, was meine Söhne studieren und ob sie einmal meine Nachfolge in unserem Unternehmen antreten möchten. Ist die Unternehmensnachfolge aus der Familie heraus nicht sogar im Wort „Familienunternehmen“ verankert? Ein paar unkonventionelle Gedanken aus der Perspektive des Unternehmers hierzu …

Als mittelständisches Familienunternehmen sind wir von Grundwerten geprägt. Hierzu gehört auf der Eigentümerseite die Überzeugung, dass der Gewinn ein Mittel zum Zweck des Unternehmens ist. Es ist nicht der Zweck des Unternehmens, Gewinn zu erzielen (ohne Gewinn geht es allerdings genauso wenig). Weiterhin haben auf Seiten der Eigentümer diejenigen die Kontrolle über das Unternehmen, die auch die Verantwortung für das Unternehmen übernehmen. Diese Verantwortung kann aus der direkten Unternehmensführung oder aus einer aktiven Aufsichtsfunktion heraus wahrgenommen werden. Die Kombination von Verantwortung und Eigentum macht für uns den Sinn von Unternehmerschaft deutlich. Ein Unternehmer engagiert sich, wenn es für das Unternehmen schwierig wird. Ein Investor verkauft.

Was bedeutet dies für das Thema Nachfolge?

Im Sinn dieser Werte ist es wichtig, das Unternehmen in Hände zu übergeben, die diese Grundwerte teilen, die gleichzeitig für das Unternehmen und seinen Zweck im Markt brennen und die über die notwendige Qualifikation und das Potential verfügen, den sich stetig wandelnden Anforderungen an die Unternehmensführung gerecht zu werden.

Es gehört zur Verantwortung eines Unternehmers, für eine geeignete Nachfolge zu sorgen. Dies gibt den Mitarbeitern ein Stück Sicherheit und Stabilität in einer sich immer schneller verändernden Welt. Es gibt ebenso den Kunden und Geschäftspartnern des Unternehmens die Möglichkeit und Motivation, in langfristige Beziehungen zu investieren.

Diese Verantwortung bedeutet jedoch nicht, dass es einen Nachfolger aus der Familie heraus geben muss. Ganz im Gegenteil! Diese Verantwortung bedeutet, dass die Frage nach der Nachfolge möglichst unabhängig von der Familie beantwortet werden sollte.

Auf der privaten Seite geht es um das Leben der Kinder und um das eigene Leben. Meine Hoffnung für meine beiden Söhne ist, dass sie sich selbst treu bleiben und ihren eigenen Weg zu einem gelungenen Leben gehen. Ich habe die Erwartung, dass sie ihr Leben grade nicht nach anderen oder ihren Eltern ausrichten. Ich wünsche ihnen, frei zu sein, selbstbestimmt und integer ihre Entscheidungen treffen zu können.

Es ist normal, dass die eigenen Vorstellungen in Bezug auf Lebensführung, Gesundheit, Arbeit, Partnerschaft oder Glück sich nicht genau mit denen der Kinder decken. Das muss man lernen, auch wenn es in vielen Situationen schwer sein kann. Ich möchte die Beziehung zu meinen Söhnen immer wieder neu auf der Basis zweier Erwachsener finden. Man bleibt Vater, er bleibt Sohn – man ist nicht „der beste Freund“ –, aber man achtet und respektiert den Sohn für die eigene Persönlichkeit, die eigenen Werte, das eigene Leben. Die Erziehung, die jetzt nahezu abgeschlossen ist, sehe ich als den Weg zur Freiheit und zur eigenen Persönlichkeit.

Dies bedeutet für mich, dass der berufliche Weg meiner Söhne und die Frage nach der Unternehmensnachfolge zwei voneinander unabhängige Fragestellungen sind. Sie können zu einer gemeinsamen Lösung finden, es ist aber weder notwendig noch meine Erwartung.

Das Bild des klassischen Unternehmers muss sich daher aus meiner Sicht ändern. Viele Unternehmer haben immer noch die folgende Einstellung, die ich in diesem Jahr auf einer Tagung hörte: „Ich habe von meinem Vater ein gesundes Unternehmen vor 10 Jahren übernommen und fühle die Verpflichtung, der nächsten Generation in 10–15 Jahren wieder ein gesundes Unternehmen zu übergeben.“ Vor dieser Einstellung habe ich einen hohen Respekt. Ich teile sie nicht.

„Sie sind bestimmt froh, dass Ihre Söhne in Ihre Fußstapfen treten“ … Hierauf möchte ich daher antworten: „Nein!“

Ich bin froh, wenn meine Söhne ein gelungenes Leben führen (das ist mir im Übrigen wichtiger als die Frage nach dem Unternehmen). Ich bin froh, wenn ich für das Eigentum meines Unternehmens eine geeignete Nachfolge im Sinne der oben genannten Werte finde. Diese Fragen sind für mich unabhängig voneinander zu lösen. Glücklicherweise habe ich ja noch ein wenig Zeit damit. 😉

Literaturempfehlung:

Michael Bordt SJ, „Die Kunst, seine Eltern zu enttäuschen“  https://www.suhrkamp.de/buecher/die_kunst_die_eltern_zu_enttaeuschen-michael_bordt_sj_439.html

Ein Artikel aus dem Jahr 2015 zu diesem Thema in diesem Blog:


Zur Ergänzung hier der Link zu meinem Beitrag aus dem Jahr 2015

Foto: © wabeno – stock.adobe.com