Politik und Zeitgeschehen, Werte, Zukunft

Plädoyer für eine offene Welt

Als Familienunternehmer kann man sich für 2017 nur wünschen, dass die Welt weiter offen bleibt oder noch offener wird. Leider gehen die aktuellen politischen Strömungen in der Masse der Bevölkerung zurzeit in eine andere Richtung. Der Nationalismus wird überall auf der Welt wieder populärer und Politiker gewinnen Wahlen mit profaner Demagogie aus dem letzten Jahrhundert. Protektionismus ist dabei nicht nur für jeden Bürger eines Landes schädlich, sondern in heutigen weltweit vernetzten Wertschöpfungsketten nahezu unmöglich umzusetzen. Warum dies so ist, möchte ich gerne aus unserer Perspektive als mittelständischem Industrieunternehmens in Deutschland erläutern.

Die langfristige Entwicklung ist für den größten Teil der Menschheit ausgesprochen positiv! Das ist keine subjektive Einzelmeinung, sondern das Ergebnis sehr tief greifender Analysen an der Universität Oxford: https://ourworldindata.org/a-history-of-global-living-conditions-in-5-charts/ . Auch in der Jahresend-Ausgabe des renommierten Economist-Magazins vom 24. Dez. 2016 steht hierzu ein sehr lesenswerter Leitartikel: http://www.economist.com/news/leaders/21712128-liberals-lost-most-arguments-year-they-should-not-feel-defeated-so-much?frsc=dg%7Ca

Dennoch – die Bedingungen für die meisten Menschen in der Mittelschicht in Deutschland werden seit Jahren nicht besser, wirtschaftlich gesehen eher schlechter (warum es meiner Ansicht nach dennoch aufgrund der monetär nicht bewertbaren drastischen Fortschritte in der Informationstechnologie besser geht, ist ein anderes Thema).

Auch in unserem direkten Umfeld als mittelständischem Industrieunternehmen findet leider seit Jahren kein Wachstum statt. Für unser Unternehmen liegt in einer immer globaleren Welt die Konkurrenz aus Europa und Fernost quasi „direkt vor der Haustür“. Das drückt die Preise und setzt unser Unternehmen wie die Arbeitskraft unserer Mitarbeiter in direkte Konkurrenz mit Schleudergießereien, in denen Arbeitssicherheit ein Fremdwort ist und Arbeitskräfte in Massen zu günstigsten Konditionen zur Verfügung stehen.

Man könnte jetzt schnell nach Protektionismus rufen, um der bösen Konkurrenz aus Fernost in Deutschland und Europa mit Zöllen zumindest einen Ausgleich für die Belastungen abzuverlangen, die wir mit EEG Umlage, Steuern und Auflagen in Deutschland zu tragen haben.

Das würde uns –wie jedem anderen Industrieunternehmen in Deutschland – jedoch sofort erheblich schaden!

Warum ist das so?

Der Ökonom Richard Baldwin (http://graduateinstitute.ch/home/research/centresandprogrammes/ctei/ctei_people/baldwin_home.html) hat es mit wenigen Worten klar in einem Interview mit dem „Brand Eins“ Magazin in der Dezemberausgabe 2016 auf den Punkt gebracht.

In der ersten Welle der Globalisierung wurden Waren für den Konsum in andere Länder exportiert. Dieses ließ sich relativ leicht mit Importbeschränkungen kontrollieren. Diese Erfahrung machte zum Beispiel die Reagan-Administration in den 80erJahren. Damals war es der stellvertretende Handelsbeauftragte Robert Lighthizer, welcher Japan mit hohen Strafzöllen unter Druck setzte, was die Einfuhr von Waren wirksam beschränkte.

Seit Ende der 90er-Jahre spricht Prof. Baldwin von der „zweiten Welle der Globalisierung“. Waren werden in erster Linie nicht mehr für den Konsum, sondern für die Produktion anderer Waren exportiert. Wertschöpfungsketten sind global geworden. Dank drastisch gesunkener Transaktionskosten mittels Kommunikation und Informationsaustausch über das Internet ist es heute zum Beispiel für einen Mittelständler wie uns kein Problem, mit unserem Kunden in Korea über Lieferungen über Bauteile aus Deutschland und Taiwan zu verhandeln, die der Endkunde in den USA in seinen Turboladern einsetzt. Waren werden also exportiert, um in einem anderen Land Waren herzustellen.

Beschränkt man jetzt die Importe, ist es nicht mehr möglich, in einem Land zu produzieren. Unsere Kunden sind schon lange in globale Wertschöpfungsketten eingebunden. Jede Komponente, die in Deutschland teuerer oder aufwendiger aus dem Ausland zu beziehen ist, schwächt die deutsche Wirtschaft. Eine Maschine oder Anlage unserer Kunden kann ohne einen großen Teil von Komponenten aus allen Ländern der Welt überhaupt nicht mehr gebaut werden.

Dass Donald Trump den oben genannten Robert Lighthizer zum globalen Handelsbeauftragten der USA berufen hat, zeigt, in welcher protektionistischer Denkweise der 80er-Jahre er als Immobilientycoon noch hängt. Auch die Befürworter des Brexit werden sich in den kommenden Monaten massiv mit Ausnahmegenehmigungen für ihre großen Industrieunternehmen beschäftigen müssen, wie sie das Nissan-Werk in Sunderland von Theresa May bereits erhalten hat. Ohne freie Importe ist keine wettbewerbsfähige Produktion in der heutigen Welt mehr möglich.

Protektionismus schneidet schnell und tief in die Leistungsfähigkeit jeder Industrie – ganz besonders der deutschen Wirtschaft. Das ist keine Theorie, sondern grade für den industriellen Mittelstand in Deutschland schnell und hart erlebbar.

Würde Deutschland oder Europa also wie oben beschrieben Einfuhrzölle oder Quoten für die Produkte unserer Konkurrenz wie anderer Waren erlassen, würde dies die Leistungsfähigkeit unserer Kunden in Deutschland und Europa sofort deutlich einschränken. Unsere Kunden wären weniger wettbewerbsfähig, würden weniger Maschinen und Anlagen verkaufen – und wir weniger Komponenten aus Schleuderguss.

Offen, nicht nur für Wirtschaftsgüter, auch für Ideen und Menschen. Nur so kann die Exportnation Deutschland erfolgreich bleiben!

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Führung, Marktentwicklung, Unternehmensführung

Gescheitert!

Es ist Anfang November 2016: ein trüber Monat, an dem ich spät am Abend in Stavanger lande. In Regen und Dunkelheit suche ich mir den Weg zum nahegelegenen Hotel und denke voller Wehmut und Traurigkeit an die ersten Besuche in diesem wunderschönen Land vor zwei Jahren zurück. Was damals voller Hoffnungen und Erwartungen mit einem kleinen Joint Venture begann, geht jetzt zu Ende – mit finanziellen Verlusten und hohem persönlichen Einsatz vieler Mitarbeiter, der umsonst war. Am nächsten Tag beschließen wir im Bordmeeting das Ende der Produktion und die kontrollierte Abwicklung des von uns mit gegründeten Unternehmens. Ein Traum von unserer unternehmerischen Zukunft in Skandinavien mit einem Standbein vor Ort geht schmerzhaft zu Ende.

Es ist eine der größeren Niederlagen als Unternehmer in meiner über 20-jährigen Laufbahn. Für den Verlust und die Fehlentscheidung, in dieses Joint Venture zu investieren, kann ich niemanden außer mir verantwortlich machen. Anstelle eines Ausbaus von Marktanteilen und der Eroberung neuer Kunden steht die Abwicklung eines neu gegründeten Unternehmens, der Verlust von etwa 25 Arbeitsplätzen und verlorene personelle und finanzielle Ressourcen.

Warum? Was hat nicht funktioniert?

Interessanterweise waren es hier nicht die „Sollbruchstellen“, vor denen wir im Vorfeld ausgiebig gewarnt wurden und auf die wir vorbereitet waren. Die Kommunikation mit unseren Partnern vor Ort und dem Management war immer gut – trotz der sprachlichen Barrieren. Sicher haben hierzu die enorme Offenheit und gewohnte Internationalität der Norweger besonders in Stavanger beigetragen. Auch unsere Mitarbeiter in Radevormwald sind mit großer Aufgeschlossenheit, Engagement und Vertrauen in die Partnerschaft gegangen. Über kulturelle Distanzen hinweg war der gegenseitige Respekt und ein stetes Bemühen um das Verständnis des anderen immer gegeben. Das Vertrauen stimmte daher.

Auch die Abstimmung mit dem lokalen Joint-Venture-Partner war trotz nicht immer gleicher Interessen fast immer sehr gut und verlässlich. Man konnte sich auf das Wort verlassen, einander vertrauen und auch, wenn es oft etwas länger dauerte, stimmte die Umsetzung von Vereinbarungen.

Dramatisch schwieriger als gedacht war es hingegen, in ein Unternehmen als Partner einzusteigen, das seit Jahren bereits Verluste schrieb und am Boden lag. Auch mit neuem Management konnten wir die Unternehmenskultur innerhalb von zwei Jahren nicht wesentlich verändern. Probleme wurden von den Mitarbeitern kommentarlos hingenommen. Der Wille zur Verbesserung fehlte auf allen Ebenen. Missstände in der Organisation, der Technik wie am Inventar wurden nicht beseitigt – man war zu sehr daran gewöhnt, damit zu leben. Nach dieser Erfahrung frage ich mich, wie es überhaupt möglich ist, ein Unternehmen „zu wenden“, welches über Jahre bis in die Insolvenz gewirtschaftet wurde. Bei den Mitarbeitern und den Vorgesetzten scheint jeder Wille abhanden gekommen zu sein, für ein positives Ergebnis zu kämpfen und an den kleinen wie großen Problemen zu arbeiten.

Konjunkturell kam hinzu, dass wir in einer Zeit investierten, in der es in der Öl- und Gasindustrie in Norwegen sogar noch weiter bergab ging und die Talsohle noch nicht, wie erwartet, erreicht worden war. Es ist dramatisch, wie sehr die Norweger von dem Verfall der Ölpreise an der Westküste betroffen sind. Viele Unternehmen in dieser Branche haben 50 bis 80% ihrer Umsätze verloren und müssen extreme Anpassungen vornehmen, wenn sie überhaupt überleben können. „Greife nie in ein fallendes Messer“ heißt es – die Kunst ist zu erkennen, wann das Messer nicht mehr weiter fällt und man es wieder in die Hand nehmen kann. Diesen Zeitpunkt haben wir mit der Gründung unseres Joint Ventures wirklich grandios falsch eingeschätzt.

Last but not least: „Glaube keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast“. Wir haben erst zum Ende hin eine Führungskraft aus Deutschland entsandt und uns bis dahin auf die sehr optimistischen und eher oberflächlichen Prognosen unseres Managements vor Ort verlassen. Immer wieder wurde uns eine Trendwende in Aussicht gestellt und mit konkreten Kundenaufträgen begründet, die jedoch nie so eingetreten ist. Wir unterstellen hier keine böse Absichten – aber ich hätte die Prognosen mehr hinterfragen müssen und mir öfter durch Kundenbesuche vor Ort persönliche Eindrücke verschaffen müssen. Gerade über sprachliche und kulturelle Unterschiede ist es eine hohe Herausforderung, Aussagen und Prognosen richtig zu deuten und eine realistische Einschätzung der Marktsituation vorzunehmen.

Insgesamt war unser Engagement in Norwegen eine Erfahrung, die viel Geld und Zeit gekostet hat und aus der wir so viel wie möglich lernen müssen. Es ist nicht das erste Engagement in ein fremdes Unternehmen und es wird nicht das letzte Engagement in ein anderes Unternehmen sein. Wir müssen lernen.

Leider weiß ich nicht mehr, wer sagte: „es kommt nicht darauf an, wie oft Du hinfällst, sondern darauf, dass Du mindestens einmal öfter wieder aufstehst.“ In diesem Sinne auf zu neuen Taten, mit hoffentlich besseren Entscheidungen in der Zukunft.

4 thoughts on “Gescheitert!

  1. RR says:

    . . . Hut ab vor solcher Offenheit!

    P.S.: Das gesuchte Zitat stammt wohl von meinem Lieblingspolitiker . . .

    “Die Kunst ist, einmal mehr aufzustehen, als man umgeworfen wird.”
    Winston Churchill

  2. Dirk Breuer says:

    Wer in sich selbst vertraut, voll und ganz hinter den eigenen Entscheidungen steht, (auch wenn diese mal nicht so gut waren) nicht aufgibt ausgetretene Pfade zu verlassen wird als Unternehmer besser und erfolgreicher werden.

    Sehr gut geschrieben, diese Stärke muss man haben.

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Allgemein, Politik und Zeitgeschehen, Zukunft

Nationalismus – Protektionismus – Populismus

Überall auf der Welt protestieren die Menschen gegen die Globalisierung und die Veränderungen in der Gesellschaft, Politik und Wirtschaft. In jedem Land von Europa über Nordamerika bis nach Asien sind die Menschen interessanterweise der gleichen Meinung: dass es sie in ihrem Land besonders hart trifft; dass die Umstände bei ihnen besonders eklatant sind und dass sie die Verlierer dieser globalen Veränderungen sind, während andere Menschen und andere Länder zu den Gewinnern zählen.

Fakt ist leider, dass überall auf der Welt die Mittelschicht unter Druck gerät – es geht nicht mehr aufwärts. Das ist für Deutschland hart – aber es ist noch schlimmer für die Länder, wo eine Mittelschicht noch gar nicht richtig entstanden ist.

Die Antworten auf die Sorgen der Menschen liefern heute wie vor 80 Jahren wieder einmal die Demagogen: Sie liefern „einfache“ Antworten und behaupten, die Ursache liegt am globalen Handel, an den Ausländern, am ungezügelten Kapitalismus oder an der Ausbeutung durch das „Establishment“. Linke wie Rechte erheben überall auf der Welt die gleichen Forderungen wie in den 30er-Jahren – die „alten Rezepte“ sind wieder gefragt, obwohl sie schon damals in die Katastrophe führten. Die Rechten wollen die Abschottung von anderen Ländern und die Bevorzugung der eigenen „Rasse“ (auch wenn sie es heute vornehmer ausdrücken), die Linken fordern die Enteignung der wohlhabenden Schichten und alle Macht dem Staat (Beamte sollen es vermeintlich besser können als ein mündiger Bürger).

Der Kabarettist und Physiker Vince Ebert beschrieb es auf Facebook sehr treffend: Globalisierungsgegner in Deutschland protestieren lauthals und mit ausgiebiger Pressebegleitung, gekleidet in Jacken von North Face, schießen Fotos mit Produkten von Apple oder Samsung und posten ihre Aktivitäten fleißig auf Snapchat, Instagram und Facebook. Welche Ironie …

Die Vorteile der Globalisierung und Digitalisierung sind selbstverständlich geworden. Keiner denkt darüber nach, warum wir kostenlos und auf einfachste Weise unsere sozialen Netzwerke nutzen könne, ein Handy mit der Rechenpower eines Großrechners in der Hosentasche tragen oder jede neue Fernsehergeneration die doppelte Auflösung zum halben Preis bietet.

Als mittelständisches Familienunternehmen in der traditionellen Industrie der Produktionsgüter stecken wir dabei mitten im Leben und bekommen die Herausforderungen der neuen Welt jeden Monat schmerzlich zu spüren. Kunden fordern spätestens seit dem „Lopez-Effekt“ stetig Preisnachlässe, da sie sonst ins Ausland abwandern (müssen). Auf der anderen Seite steigen die Kosten – insbesondere die Personalkosten von Jahr zu Jahr. Der Ausweg besteht in einem ungeheuren Druck auf die Produktivität, der die Menschen in den Unternehmen jedes Jahr aufs Neue an die Grenzen der Leistungsfähigkeit treibt.

Doch die Industrie ist dabei insgesamt überaus erfolgreich! Wir sind ein „Opfer unsers eigenen Erfolges“. Jedes Jahr gelingt es den meisten Industrieunternehmen tatsächlich, durch verbesserte Organisation und technologische Weiterentwicklung die Produktivität zu steigern. Die Folge davon ist dennoch, dass immer weniger Unternehmen in der Lage sind, den Bedarf von kaum noch wachsenden Märkten zu decken. China war die letzte, ganz große „Wachstumsstory“ auf der Welt. Doch China ist versorgt, die industriellen Investitionen zur Versorgung der Bevölkerung sind größtenteils getätigt und sind teilweise – wie im Bereich der Stahlherstellung – bereits weit über den Bedarf des Landes hinaus geschossen. Wir haben weltweit gesättigte Märkte und zusätzliche Produktivitätssteigerung gehen daher zwangsläufig zu Lasten der Arbeitsplätze. Es ist die „schöne neue Welt“, von der wir einstmals träumten, wo immer weniger Menschen dafür arbeiten müssen, damit ein Großteil der Menschheit mit den Grundbedürfnissen versorgt ist. Wir wissen nur nicht, was wir jetzt damit anfangen sollen …

Es ist pure Dummheit oder – wie ich Donald Trump und anderen Politikern unterstelle – gezielter Populismus, in dieser Lage den Menschen zu versprechen, die „Jobs wieder nach Hause zu holen“. Welche Jobs sollen denn bitte „nach Hause“ geholt werden – zurück in die USA oder nach Deutschland? Wollen wir hier in Zukunft wieder T-Shirts oder Schuhe zusammennähen? Oder meinen wir tatsächlich, wir seien in der Lage, Produkte wie ein iPhone oder einen Tablet-PC wirklich wieder in unseren Ländern lokal produzieren zu können – ohne Know-how, ohne die notwendige Supply-Chain und Infrastruktur? Wollen wir die Hälfte der Bevölkerung zurück auf die Felder schicken, um ohne Traktoren und Mähdrescher wieder Lebensmittel in Knochenarbeit anzupflanzen – damit „die Jobs zurück im Lande sind“?

Die Zeiten lassen sich nicht zurückdrehen. Globalisierung und Digitalisierung stellen uns vor erhebliche Herausforderungen und lassen ganze Industrien sterben. Bei allem Druck, dem unser kleines Industrieunternehmen ausgesetzt ist, bin ich heilfroh, dass wir nicht in Branchen wie dem Bankwesen, der Versicherungen, dem Einzelhandel oder der Distribution von Medien tätig sind. Hier verschwinden gerade ganze Bereiche, während Neues entsteht.

Anstelle auf „die anderen“ zu zeigen und Ausländer, andere Länder oder andere Bevölkerungsschichten zu verurteilen, sollten wir uns am eigenen Schopf packen. Die Welt können wir nicht verändern und die Entwicklung nicht stoppen. Wir können uns aber selbst verändern und hieran anpassen. Wo viele Bedarfe verschwinden, entstehen gleichzeitig Neue und einige Berufe sind gefragter als jemals zuvor: haben Sie beispielsweise einmal versucht, einen guten Handwerker zu finden, einen Webdesigner oder einen Steuerungselektroniker? Nicht allen Menschen gelingt der Umschwung und es wird wie immer Gewinner und Verlierer bei großen Veränderungen geben. Angst, Nationalismus und Populismus sind aber in diesen Zeiten die schlechtesten Ratgeber und wir sollten aus der Geschichte lernen.

Hoffentlich können wir diesmal in Deutschland durch Stabilität und Weitsicht ein leuchtendes Beispiel in der Welt bleiben und zeigen, wie man mit Wandel konstruktiv, mutig und erfolgreich umgehen kann.

One thought on “Nationalismus – Protektionismus – Populismus

  1. Wer von den etablierten und veränderungsfähigen Politikern ist überhaupt in der Lage die notwendige Kehrtwendung zu schaffen.
    Unser System ist bereits gerade über die sozialen Netzwerke zu abhängig und steuerbar geworden….

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Allgemein

Talent

Die Welt ist begeistert von Talenten. Talentierte Mitarbeiter sind angeblich DER Schlüssel zum Erfolg. Jedes Unternehmen möchte die besten und talentiertesten Mitarbeiter für sich gewinnen, um besser zu sein als die Konkurrenz. Doch stimmt diese Logik wirklich?

Reicht es aus, talentiert zu sein? Sicher nicht … schon in der Schule heißt es „ohne Fleiß kein Preis“. Talente müssen entwickelt werden, bis man etwas „kann“. Es erfordert Anstrengung und Disziplin, seine Fähigkeiten zu fördern und auszubauen. Jeder Schüler kommt irgendwann an den Punkt, wo pure Begabung nicht mehr ausreicht, um gute Leistungen zu erzielen. Auf einmal muss er etwas leisten, sich anstrengen und an sich arbeiten, um weiterzukommen. Je früher dieser Punkt erreicht wird, desto besser.

Dies ist auch ein Grund dafür, warum man Kinder für ihren Einsatz und ihre Anstrengungen loben sollte, nicht für ihre Intelligenz oder ihr Talent. Doch dieses Thema gehört nicht zum Unternehmertum. (Nette, provokante Lektüre zu diesem Thema: Amy Chua „Die Mutter des Erfolgs“)

Okay, ein Mensch benötigt also Talent und Anstrengung, um sein Können zu entwickeln. Anders ausgedrückt:

Können = Talent x Anstrengung

Reicht dies jetzt für ein Unternehmen aus, um Erfolg zu haben? Für einen Wirtschaftsbetrieb muss Erfolg messbar sein, und er muss von Kunden honoriert werden. Wofür bezahlen Sie als Kunde? Für das, was ein Unternehmen kann? Oder für das, was es Ihnen liefert? Was nutzt es dem Kunden, wenn ein Unternehmen zwar etwas kann, dies aber nicht in Form von Ergebnissen liefert? Bezahlen Sie einen Berater, wenn er zwar ein schlaues Kerlchen ist, Ihnen aber nichts bringt? (Zugegeben, ein schlechtes Beispiel, viele Unternehmen machen dies ja tatsächlich.) Bezahlen Sie einen Hersteller von Automobilen, wenn er zwar tolle Autos bauen kann, Ihnen aber Ihren Wagen gar nicht, viel zu spät oder total fehlerbehaftet liefert? Bezahlen Sie ein Essen im Restaurant, das der Koch zwar famos kochen könnte, er trotzdem etwas Ungenießbares auf den Tisch bringt – einfach weil er an diesem Tag keine Lust hatte?

Wir können in unseren Unternehmen im Prinzip sehr viel. Es erfordert aber wiederum sehr viel Disziplin, harte Arbeit und Anstrengung, um dieses Können auch kontinuierlich in Ergebnisse umzusetzen, für die der Kunde bezahlt und wegen der er das nächste Mal auch gerne wieder bei uns einkauft. Mit anderen Worten:

Ergebnisse = Können x Anstrengung

Auf die Ergebnisse kommt es an!

Rein mathematisch und ingenieurwissenschaftlich ausgedrückt bedeutet dies in der Konsequenz, dass Talent damit zwar wichtig ist, die Anstrengung aber doppelt so wichtig ist!

Ergebnisse = Talent x Anstrengung x Anstrengung

Zu diese Sichtweise hat Angela Duckworth in Ihrem Besteller „grit“ ein hervorragendes Buch geschrieben, woher ich die oben genannte Formel „entliehen“ habe (leider gibt es noch keine deutsche Übersetzung, dennoch sehr lesenswert inkl. der Kritik von Daniel Goleman hierzu). Die Formel stimmt darüber hinaus völlig mit unseren Erfahrungen in der Praxis überein.

Wir brauchen ein gewisses Talent bei unseren Mitarbeitern, keine Frage. Viel wichtiger als reines Talent sind aber Mitarbeiter, die bereit sind, sich anzustrengen! Wir brauchen Mitarbeiter, die das Herzblut mitbringen, Tag um Tag, Monat für Monat und Jahr um Jahr immer wieder ein kleines Stück mehr zu leisten als unsere Konkurrenz. Es geht um Entschlossenheit, Leidenschaft, Ausdauer und Beharrlichkeit. Es geht darum, nicht aufzugeben wenn es schwierig wird und schnell wieder aufzustehen, wenn man einen Fehler gemacht hat. Reines Talent, welches uns genetisch sozusagen „in die Wiege“ gelegt wurde ist prima – aber nicht entscheidend! Entscheidend für den Erfolg sind Eigenschaften, die Menschen lernen können und die jeder in seinem Leben für sich entwickeln und fördern kann. Das zählt für die Menschen ebenso wie für die Unternehmen viel mehr als das Talent, mit dem man geboren wurde.

Eigentlich eine schöne Aussage, die jedem Mut machen kann: Gute Ergebnisse werden nicht in die Wiege gelegt, sondern erarbeitet.

Reichen gute Ergebnisse, um erfolgreich zu sein? Nein – dazu braucht es immer wieder auch Glück. Doch das ist wieder ein anderes Thema…

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Allgemein

Was ist (m)ein Unternehmen wert?

Shareholder-Value, Reichensteuer, Erbschaftssteuer, Offenlegung von Vermögensverhältnissen … immer wieder geht es von gesellschaftlicher oder staatlicher Seite um die Frage, was ein Unternehmen eigentlich wert ist. Aus der Sicht eines Familienunternehmers kann ich dazu nur sagen: Die Frage ist belanglos, unwichtig und völlig theoretisch!

Prof. Malik aus der Schweiz äußert seit Jahrzehnten vehement Kritik an dem Thema Shareholder-Value mit einem Grundsatz der Volkswirtschaftslehre: In der Wirtschaft gibt es keine Werte, nur Preise. Der Wert eines Gutes ist immer nur genauso hoch, wie der nächste Käufer bereit ist, dafür zu bezahlen. Dies ist nicht nur ein völlig subjektiver Wert, sondern auch ein Betrag, der jederzeit anders aussieht. Man kann insbesondere den Wert eines Unternehmens nicht objektiv errechnen – ja, noch nicht einmal annähernd bestimmen. Jeder Versuch über Formeln im Steuerrecht oder sonstige Gutachten etc. ist aus der Sicht vieler Familienunternehmer einfach lächerlich.

Damit unterscheiden sich langfristig denkende Familienunternehmer anscheinend deutlich vom „neuen Markt“ oder von sogenannten Start-ups, die schon bei der Gründung das Ziel verfolgen, nach einer steilen Anfangsphase in absehbarer Zeit „Kasse“ zu machen. Diese Denkweise mag durchaus ihre Berechtigung haben und für eine extreme Dynamik besonders in den neuen, schnelllebigen Technologiemärkten sorgen.

Wer jedoch langfristig denkt, den interessiert ein Verkauf seines Unternehmens und der damit mögliche Erlös zunächst einmal herzlich wenig. Es geht vielmehr darum, das Unternehmen auf längere Sicht erfolgreich zu entwickeln, es immer wieder den veränderten Märkten anzupassen, Innovationen auf den Markt zu bringen, gute Leute zu finden und zu halten. Und dabei gerne wachsen, wenn es der Markt erlaubt, die Risiken begrenzen und die Profitabilität sichern. Wem dies gelingt, der kann als Unternehmer zumeist gut oder sehr gut davon leben – mit dem Risiko, dass sein gesamtes Einkommen, sein Vermögen, seine Altersabsicherung und seine Reputation wegbrechen, wenn die nächste Krise kommt oder das Unternehmen aus anderen Gründen in eine Schieflage gerät.

Was interessiert hier der Wert des Unternehmens? Es ist doch nur eine theoretische Größe, anhand derer Steuern berechnet oder ein Neidfaktor quantifiziert werden soll. Nur für den Fall, dass der Unternehmer sich vom Unternehmen trennt – durch eine Nachfolge oder einen Verkauf zum Beispiel –, wird anhand vieler Berechnungen und noch viel komplizierterer und vor allem unsicherer Zukunftsprognosen versucht, einen genauen Wert zu ermitteln und ihn am Markt zu erzielen.

Sehr weltfremd und doch bezeichnend für die heutige Zeit, ist der enorme Aufwand, mit dem Wirtschaftsprüfer und Wissenschaftler genauestens Unternehmenswerte ermitteln und im Fachjargon begründen wollen. Es geht hier um Rechenmodelle, die mit fast beliebiger Komplexität in allen Tiefen verfolgt und mit ausgetüftelten Faktoren belegt werden. Basis für all diese komplizierten Verfahren sind aber eben nur vage Zukunftsprognosen des Managements! Jeder Unternehmer weiß, dass nichts so unsicher ist wie die Zukunft eines Unternehmens. Keine Prognose tritt in der Realität so ein wie vorhergesagt. Die sogenannte „Prognosegenauigkeit“ von großen, am Aktienmarkt gehandelten Unternehmen beruht nach meiner Überzeugung in erster Linie auf einer sehr hohen Kunst der Buchführung, deren Ergebnisse in ganz legalem Rahmen hervorragend jeder Prognose angepasst werden – bis es hin und wieder zu einer großen „Korrektur“ kommen muss.

Einige, mir persönlich bekannte, Familienunternehmer vertreten im anderen Extrem die Ansicht, dass das Unternehmen ihnen gar nicht im eigentlichen Sinne „gehöre“, sondern sie es nur für die nächste Generation verwalten und verbessern wollen. Diese Ansicht teile ich nicht – schon deshalb nicht, weil die „nächste Generation“ keinerlei Verpflichtungen zum Einstieg haben sollte. Auch ist es Aufgabe und Pflicht des Unternehmers, sein Unternehmen stets dem Markt anzupassen, zu verändern und ggf. sogar neu zu erfinden. Hier kann der Gedanke vom „Bewahren“ und „Verwalten“ in zu konservativer Auslegung sogar destruktiv wirken.

Also, was interessiert ein „Unternehmenswert“ als fiktive Zahl, die sich von Jahr zu Jahr je nach Marktsituation, Zukunftsprognose, Konjunktur, Zinsniveau, technologischer Entwicklung und allgemeiner Unternehmenssituation ändert? Er ist irrelevant – konzentrieren wir uns lieber auf das, worauf es ankommt: die Kunden von heute und morgen und unsere Mitarbeiter.

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Allgemein, Führung, Marktentwicklung, Werte, Zukunft

Dankbarkeit

Vor ein paar Wochen konnte ich ein Abendessen mit einem befreundeten Unternehmer und Kunden genießen. Genießen vor allem deshalb, weil mich seine Grundhaltung nachhaltig beeindruckte.

Der Maschinen- und Anlagenbau durchlebt weltweit harte Jahre. Die Ausrüstungs- und Ersatzinvestitionen sind überall rückläufig. Märkte wie Russland oder Brasilien sind weggebrochen, und selbst China leidet mittlerweile an einer Überproduktion, insbesondere im Bereich der Schwerindustrie. Hinzu kommt ein radikaler Investitionsstopp im Bereich Öl und Gas sowie die Krisenlage im Nahen Osten.

Mein Geschäftspartner ist als Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens tätig, das zu einer größeren Unternehmensgruppe gehört. An diese muss er berichten und bekommt seine Vorgaben – mit nicht immer verständlichen Hintergründen. Bedingt durch die Wirtschaftslage sind in seinem Unternehmen akut Arbeitsplätze gefährdet, was die Mitarbeiter schnell verunsichern kann. Unter diesen unklaren Verhältnissen sind dennoch massive weitere Investitionen notwendig, damit die Alleinstellungsmerkmale des Unternehmens auf- und ausgebaut werden können.

Nachdem wir uns gegenseitig eine Weile unser Leid über diese Herausforderungen geklagt hatten, sprach er zu meiner Verblüffung: „Weißt du, Andre, obwohl es oft nicht einfach ist, bin ich unendlich dankbar dafür, diesen Job zu haben. Ich darf mein Wissen und mein Können einsetzen, jeden Tag etwas Neues erleben, die Welt kennenlernen, viele interessante Menschen treffen und immer wieder etwas lernen. Ich finde, es geht uns hier in Deutschland und in unserer Position wirklich sehr gut – das wird mir immer wieder bewusst, wenn ich die Welt gesehen habe und hierher zurückkehre. Ich danke wirklich jeden Tag unserem Schöpfer dafür, dass ich diese Arbeit machen darf.“

Was für eine tolle, inspirierende Einstellung! Bei allen Herausforderungen und Problemen nicht zu vergessen, wo wir tatsächlich stehen und wie gut es uns eigentlich geht. Dankbar dafür zu sein, in dem Job zu arbeiten, den man gewählt hat, seine Talente und sein Können an der richtigen Stelle der Gesellschaft einsetzen zu dürfen, lernen zu dürfen und sich entwickeln zu können.

Danke mein Freund, dass Du mir dies einmal wieder neu bewusst gemacht hast.

6 thoughts on “Dankbarkeit

  1. Guten Abend und danke für die Zeilen.
    Genau das kann ich bezeugen.
    Trotz aller Widerwärtigkeiten
    geht es uns in unserem Land prächtig. Es macht Freude hier zu leben und zu arbeiten.
    Das merkt man immer wenn man aus dem Ausland nach Hause kommt.
    Wir müssen diese Erkenntnis viel mehr nach aussen transportieren.

    • Andre Kuhn says:

      Hallo Hr. Wader, Danke für diese nette Bestätigung! Auch Sie haben schon viel Erlebt und Ihre positive Grundhaltung ist sehr motivierend! Mit freundlichen Grüßen Andre Kuhn

    1 Antwort »
  2. Ich finde Ihre Ausführungen sehr interessant, und es ist genau meine Meinung! Wir müssen einfach sehen, dass wir unser Jugend Werte vermitteln, die sie befähigt, auch weiterhin, in dieser schwierigen “Welt Situation”, erfolgreich zu sein und dabei menschlich zu bleiben!

    • Andre Kuhn says:

      Guten Abend Fr. Jentjens, vielen Dank für Ihren Kommentar! Grade heute Abend durfte ich mit meinem Onkel noch einmal zu Abend essen und es wurde mir einmal wieder bewusst, dass wir im Vergleich zu meiner “Eltern-Generation” eine so viel bessere Welt heute vorfinden.

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Allgemein, Führung, Unternehmensführung, Zukunft

Braucht ein Unternehmen eine Vision?

Als ich vor 25 Jahren noch als Student mit meinem Vater über meine zugegebenermaßen damals sehr ehrgeizige, weitreichende Idee für die langfristige Zukunft unseres Unternehmens sprach, erhielt ich nur den trockenen Kommentar: „Na ja, das kannst du dir ja mal über das Bett hängen.“

Damals war ich darüber frustriert und sogar ein wenig erbost – schließlich lernt man doch in der klassischen Lehre der strategischen Unternehmensführung, wie wichtig die Zukunftsvision eines Unternehmens für die strategische Planung ist. Mein Vater als Praktiker hatte sich dagegen nie intensive Gedanken darüber gemacht, wie konkret das Unternehmen in fünf oder zehn Jahren aussehen sollte.

Heute, nach mehr als zwanzig Jahren Praxis in der Unternehmensführung mit detaillierter Unternehmensvision, ausformulierter Strategie und sehr erfolgreicher, umgesetzter Systematik für die Definition und Umsetzung von Jahreszielen, bin ich geneigt, mehr meinem Vater als der klassischen Strategielehre zuzustimmen … Braucht ein Unternehmen überhaupt eine Vision?

Keine Frage – eine konkrete Vorstellung davon, wohin sich das Unternehmen entwickeln sollte, hilft enorm dabei, Chancen zu erkennen und Entscheidungen zu treffen. Eine starke Vision im Sinn von Elon Musks Unternehmen Tesla: „Wir wollen, dass die Automobilwelt elektrisch wird!“ kann viele Mitarbeiter antreiben, Talente anziehen und sogar die Öffentlichkeit bewegen.

Doch mal Hand auf Herz – welcher Mittelständler hat schon so großartige Visionen und für wie viele Unternehmen ist der Anspruch realistisch, die Welt maßgeblich zu verbessern oder verändern zu wollen?

Eine weitere zentrale Herausforderung ist unsere immer dynamischere Umwelt. Niemand ist in der Lage, die Situation in fünf Jahren vorherzusagen – selbst in drei Monaten kann sich die Lage bereits weltweit grundlegend verändert haben. Eine starres Bild der Unternehmenszukunft passt nicht zu unserer heutigen Welt voller Veränderungen. Als Peter Drucker in den 50er-Jahren die klassische Lehre vom „Management by Objectives“ entworfen hat, ging es noch darum, mit maximaler Effizienz ungesättigte Verteilungsmärkte zu versorgen.

„Survival of the Fittest“ – der Anpassungsfähigste überlebt. Das gilt in der heutigen Wirtschaftswelt mehr denn je. Selbst auf kleinsten Nischenmärkten herrscht heute dank drastisch gesunkener Transaktionskosten ein globaler Wettbewerb mit immer höheren Anforderungen an die Geschwindigkeit des Anpassungsvermögens einer Organisation an veränderte Rahmenbedingungen. Ein typisches Beispiel für die heutige Welt der Wertschöpfung ist Software „made in USA“, die in Sekundenschnelle per Download aus dem App Store überall auf der Welt verfügbar ist, mit einem Service aus dem indischen Callcenter und einer Rechnungsstellung aus Irland.

Also – sollen wir unsere Visionen und Zukunftspläne am besten über Bord werfen, auf Strategien und Ziele verzichten und unsere Entwicklung einfach dem Schicksal überlassen? Offen gesagt – viele mittelständische Unternehmen überleben und entwickeln sich auf diese Art aus meiner Sicht hervorragend.

Doch auch wenn eine Unternehmensvision anscheinend nicht notwendig für den Unternehmenserfolg ist, kann sie doch aus unserer Erfahrung heraus in einer hoch dynamischen Umwelt sehr hilfreich sein.

Strategien und Ziele sind ein guter Weg, um systematisch, effektiv und effizient die eigenen Kompetenzen weiterzuentwickeln und das Leistungsvermögen zu verbessern, um die Wettbewerbsfähigkeit steigern. Schnelligkeit, Kosteneffizienz, Innovationskompetenz oder die Förderung der Mitarbeiter würde ich hierzu zählen.

Beispiel: Einer der fünf Punkte unserer vor Jahren definierten Unternehmensvision lautet: „Wir sind ein internationaler Firmenverbund“. Dieses gewiss etwas banale, aber erfolgreiche Bild gibt uns eine Richtung für die notwendige Weiterentwicklung unserer Auslandsmärkte, unserer internen Abläufe und der notwendigen Qualifikation unserer Mitarbeiter. Es macht Entscheidungen für Kooperationen oder sogar Akquisitionen im Ausland leichter, wenn sich die Chancen hierfür ergeben. Auf diese Weise hilft uns dieser Aspekt unserer Unternehmensvision immer wieder, uns erfolgreich international zu behaupten.

Die Welt verändert sich immer schneller. Es ist heute nicht mehr möglich, Jahre in die Zukunft zu planen, wenn sich das Umfeld schon in wenigen Monaten gravierend ändern kann. Dort, wo wir neue Wege gehen und es noch nicht klar ist, wie wir das Ziel erreichen, suchen wir uns heute Schritt für Schritt mit der KATA-Systematik die nächste Herausforderung auf unserem Weg, probieren aus, hoffen zu lernen und uns kontinuierlich zu verbessern.

Damit sind wir eigentlich wieder da, wo mein Vater als Unternehmer angefangen hat. Man braucht nicht unbedingt eine Vision, um als Unternehmen erfolgreich zu sein – auch wenn sie eine Hilfe ist. Man braucht aber den unbedingten Willen zur Verbesserung und Anpassung an sich schnell verändernde Umstände und den kontinuierlichen Fortschritt. Das ist nicht immer besonders großartig – aber erfolgreich.

2 thoughts on “Braucht ein Unternehmen eine Vision?

  1. Hallo André.

    vielen Dank für die spannende Frage.

    Visionen – zumindest aber Ziele – sind für mich sehr wichtig!
    Woher weiß man sonst, in welche Richtung man agieren will?

    Als eine Fußballmannschaft will man schließlich auch wissen, auf welches Tor man schießen muss.

    • Andre Kuhn says:

      Guten Abend Mathias, danke für Deinen Kommentar.
      Eine gute, greifbare Vision als “Leitstern” kann mit Sicherheit eine große Hilfe und auch Motivation sein – besonders, wie Du schreibst, um die Kräfte gezielt in eine Richtung “zu bündeln”. Die Erfahrung zeigt nur, dass es meistens anders kommt als man so denkt und die Umwelt immer dynamischer wird. Eine zu statische, festgelegte Planung kann diesem Umfeld nicht mehr gerecht werden. Für die Fußballmannschaft in dieser Analogie ist das Tor daher eher noch 5 km entfernt, verändert seine Lage im dicken Nebel während sich gleichzeitig die Spielregeln ständig verändern. Also trainiert man Spielzüge, Taktiken und die Fitness und sieht zu, dass man den Ball nach vorne bekommt – Spielzug um Spielzug. Dabei passt sich das Team hoch dynamisch der gegnerischen Mannschaft und den sich verändernden Bedingungen an…..

    1 Antwort »
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Achtsamkeit, Allgemein, Unternehmensführung

Erfahrungen aus dem Seminar „Zen-Leadership“ bei Zenmeister Hinnerk Polenski

Sitzen. In Stille und Kraft. Stunde um Stunde. Tag um Tag. In tiefer Konzentration und ohne Gedanken. Ruhe. Klarheit. Großartig! Das ist eigentlich alles …

Das Zendo

Was hat das mit Führung zu tun? Warum fährt man dazu viele hundert Kilometer ins wunderschöne Allgäu und nimmt sich hierfür einige Tage frei, die man doch so unglaublich dringend für alle möglichen anderen Projekte und Vorhaben benötigt?

Es geht um Meditation, um Achtsamkeit und darum, den eigenen Weg zu finden, aus sich selbst heraus in einer Umwelt voller Veränderungen und Umbrüche. „Die Linie im Chaos“, wie sie Zenmeister Hinnerk Polenski nennt.

Dieser hat speziell für Führungskräfte das „Zen-Leadership“ Seminar entwickelt und führt dies seit vielen Jahren sehr erfolgreich jeden Monat zum Einstieg in die Meditation und Zen-Philosophie mit seinem hoch motiviertem Team durch. Das Thema „Achtsamkeit“ beherrscht mittlerweile (zu Recht) die Schlagzeilen aller großen Wirtschaftsmagazine und hat es auf die Titelseiten von „Focus“, „Wirtschaftswoche“, „Manager Magazin“ und selbst des renommierten „Harvard Business Manager“ geschafft. Meditation als „geistiges Training“ entkommt der „Esoterik-Ecke“ und findet Anerkennung als wirksames Mittel, um Klarheit und Konzentration auch im beruflichen Alltag zu fördern.

Das Zen-Leadership Seminar geht noch weiter. Hinnerk Polenski bietet hier als in Japan ausgebildeter Zenmeister einen extrem reichhaltigen Schatz an östlichen Philosophien und Erfahrungen, die er mit seiner „Daishin-Zen“-Linie für Europäer zugänglich macht. Zen ist unabhängig von Religionen und wird im Christentum wie im Buddhismus praktiziert. Zen bei Hinnerk Polenski bedeutet 0% Esoterik und 100% eigene Erfahrung, der eigene Weg.

Eingang zum Kendo

Nach der dritten Teilnahme an diesem „Zen-Leadership“ Seminar bei Meister Hinnerk Polenski möchte ich gerne ein paar Erfahrungen als Anregung mitgeben und ein paar Worte dazu schreiben, was dies mit Unternehmensführung zu tun hat.

Freitagmorgen 6 Uhr – alle sitzen bereits im Meditationsraum, dem sogenannten Zendo, eine helle Glocke läutet – Stille für die ersten 25 Minuten des Tages! Dann wieder ein Glockenklang und der Ruf „Sarei“ – die kleine japanische Zeremonie zum Ausschank des grünen Tees beginnt.

Mit mir gemeinsam haben sich an diesem Wochenende 14 Führungskräfte aus allen Teilen Deutschlands und den unterschiedlichsten Organisationen und Unternehmen eine Auszeit hier genommen. Wie ich selbst sind einige Teilnehmer Wiederholer, es sind aber auch acht Erstteilnehmer dabei, die alle reibungslos in den bestens bewährten Ablauf integriert werden. Alle haben die Erwartung, eine „Auszeit“ zu nehmen und ihre Erfahrungen mit der Meditation zu vertiefen.

„Erfahrung“ ist dabei der Schlüssel: Zen, insbesondere bei Hinnerk, ist keine Glaubensphilosophie, hat nichts Esoterisches oder Religiöses, sondern es geht einzig um das Erfahren. Wer für sich etwas daraus zieht, kann etwas gewinnen – wer es nicht möchte oder kann, wird nichts verlieren. Jeder Weg in der Meditation ist so verschieden, wie es die Menschen sind, und das Programm ist auch von der Zenschule als freies Angebot zu sehen.

Der intensive Ablauf mit Meditationszeiten von morgens 5 oder 6 Uhr (Samstag kann man früher starten, wenn man möchte , bis abends um 21 Uhr wird von einem abwechslungsreichen, positiven Programm unterstützt. Hinnerk als Zenmeister ist eine Persönlichkeit an sich. Man muss nicht alles verstehen, was er sagt, wenn er in fernöstliche Philosophien abtaucht. Er selbst hat auch keineswegs den Anspruch, dass seine Zuhörer mit allem einverstanden sind. Niemand soll etwas glauben oder einfach akzeptieren – er möchte dazu motivieren, eigene Erfahrungen zu machen und den eigenen Weg zu gehen. Sein Blick für den Menschen und seine Fähigkeiten als Zenmeister sowie seine enorme Disziplin sind darüber hinaus sehr beeindruckend.

Das Teehaus

Beim Seminar steht ihm ein Team von erfahrenen Meditationslehrern zur Seite, allen voran Dr. Constanze Hofstätter, die seit fast zehn Jahren als Trainerin die praktischen Aspekte des Meditierens extrem gut sowohl in der Gruppe wie auch individuell vermittelt. Daneben gibt es Trainer mit langjähriger Führungserfahrung, die dabei unterstützen, die gewonnenen Erkenntnisse auf den (Führungs-) Alltag zu übertragen.

Als sehr motivierend habe ich zudem bei Hinnerk und und seinem Team die Lebensfreude im Seminarablauf empfunden, die oft in einem Lachen zum Ausdruck kommt. Es verleiht dem ganzen Wochenende eine fröhliche Stimmung, die viel zur positiven Energie hier beiträgt. „Zen ohne Lachen ist kein Zen“ hat es Tom Haug (einer der weiteren Trainer und ehemaliger Offizier der Luftwaffe) sehr treffend für mich formuliert.

Im Seminar selbst geht es um die Reise ins Ich, um das Öffnen des eigenen Horizonts, um erweiterte Erfahrungen im Umgang mit sich selbst, um Energie, mit der man um 4.30 Uhr samstagsvormittags ohne Wecker aufwacht und sich auf das Sitzen freut und von der man tagelang weiter zehren kann. Es geht um konkrete Hilfe im Alltag mit Job und Familie und um ein intensiveres Eintauchen in die Meditation. Das Wochenendseminar kann ein guter Einstieg dafür sein, seinen Lebensweg aus der eigenen Person heraus zu finden, egal wie chaotisch die Umwelt auch sein mag. Dass Meditation enorm positive Auswirkungen auf Geist und Körper hat, brauche ich an dieser Stelle nicht mehr anzufügen – es ist wissenschaftlich in der Neurologie wie in der Psychologie erwiesen.

Nachdem dies jetzt mein dritter Wochenend-Workshop bei Hinnerk war, gab es auch weniger Momente im Sinn von „Was mach‘ ich eigentlich hier?“ Gut – es kam immer noch vor, z.B. Samstagmorgen um 5.50 Uhr, nachdem ich nach fast einer Stunde Meditation immer noch nicht richtig abgeschaltet hatte und mich fragte, wofür ich jetzt eigentlich so früh aufgestanden bin. Dafür gab es auch wieder einige neue Momente im Sinn von „Wow – was ist das toll!“ Das passierte dann z.B. 40 Minuten später draußen in der eiskalten Luft der Morgendämmerung, wo ich erstmals beim Gehen vollkommen abschalten und eins mit der Bewegung und der Natur sein konnte. Ach ja, und die Knie schmerzen zu einigen Zeiten immer noch extrem stark, trotz mittlerweile mehr Praxis im Sitzen …

Aus eigener Erfahrung kann ich nach etwas über zwei Jahren Meditationspraxis und dem dritten Wochenend-Workshop bestätigen, dass regelmäßige Meditation Klarheit geben kann. Der Geist kommt zur Ruhe und aus der Stille und den entsprechenden Konzentrationsübungen kann man enorm viel Kraft für sich schöpfen. Die Anleitung durch einen Zenmeister und einer erfahrenen Trainerin von Zeit zu Zeit helfen dabei enorm.

Bei den extremen Veränderungen in unserer Umwelt, der Informationsflut, welche dank E-Mail, Internet und Handy nonstop auf uns einwirkt, und den immer noch weiter steigenden Anforderungen an die Unternehmen und deren Mitarbeiter, ist die Meditationspraxis für mich ein hervorragender Gegenpol, um die Gedanken zu ordnen, zur Ruhe kommen zu lassen und den eigenen Weg zu erkennen. Es ist ein Prozess, der nicht in einem Moment der „Erleuchtung“ die vollständige Vision bringt (so was gibt es wohl nur in der Fiktion oder Esoterik), sondern mit dem man Tag für Tag weiterkommt. Es ist enorm hilfreich für die Führung der eigenen Person und damit ebenso für die Führung eines Unternehmens oder einer Organisation.

Klarheit für den eigenen Weg hilft enorm, die Kraft für alle beruflichen Aufgaben zu finden (sofern diese mit dem eigenen Weg übereinstimmen – sonst ist es an der Zeit, den Beruf zu wechseln) und aus dieser Klarheit heraus seiner Organisation selbst Orientierung zu geben.

Dabei kann ein Meditations-Wochenende ein guter Einstieg sein. Falls jemand im Anschluss daran feststellt, dass dies nichts für ihn ist, hat er zumindest ein paar interessante Erfahrungen machen können und kann daheim den Kopf über ein wenig verrückte Menschen schütteln und lächeln – auch das ist schön.

Der Klostergarten

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Allgemein

Wissen und die „digitale Revolution“ – ein neues Zeitalter?

Was passiert eigentlich gerade in der Welt – erleben wir nach der industriellen Revolution jetzt die ersten Jahre einer digitalen Revolution, und was bedeutet das für die Unternehmen und die Menschen?

Basierend auf den Überlegungen von Kjell A. Nordström (http://kjellnordstrom.eu) und seinem neuen Buch „Urban Express“ ein paar untypische Überlegungen zur aktuellen Entwicklung …

Ein Satz zur industriellen Revolution: Das Handwerk wurde abgeschafft, industrielle Prozesse ermöglichen es uns, in Massen Güter in noch nie gekannter Effizienz zu produzieren und der Mensch wurde ein Teil dieser Prozesskette – austauschbar und entbehrlich.

Die nächste große Veränderung erfolgte durch Lean Management: durchgängige Standardisierung und Optimierung von Prozessen in allen Branchen. Bis dahin ungeahnte Qualitäts- und Produktivitätsstandards wurden erreicht. Immer mehr Menschen arbeiten gleichzeitig in den Prozessen und an der Verbesserungen der Prozesse, was schon deutlich menschlicher ist.

Jetzt startet mit der Digitalisierung alles expliziten Wissens eine neue Revolution – so behauptet Kjell Nordström mit überzeugenden Argumenten.

Ist Wissen heute noch „Macht“? Was bedeutet die Ressource „Wissen“ für ein Unternehmen im Zeitalter der Digitalisierung und des Internets – alles oder nichts … oder sowohl als auch?

Wissen und Informationen galten als die wichtigsten Ressourcen für ein Unternehmen – wichtiger noch als Kapital, Anlagen und Mitarbeiter. Für meinen Vater Klaus Kuhn, der unser Familienunternehmen 1960 gründete, gab es nichts Spannenderes als der Besuch bei einer anderen Schleudergießerei. Das Wissen um die beste Technik, die cleversten Details und die Feinheiten beim Guss der herausfordernden Edelstähle war entscheidend für den Erfolg. Wissen war schwer verfügbar, musste geschützt werden und wurde geheimgehalten. Fachbücher waren schwer erhältlich und wurden wie ein Schatz gehütet (wobei an ihre Qualität der Aufbereitung heute kaum eine Website heranreicht).

Doch „alles, was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert – und irgendwann kopiert“ (so Prof. Nordström). Im Internet kann nahezu alles gefunden werden werden – legal oder illegal. Tesla gibt seine Patente frei und veröffentlich diese selbst. Die Anzahl der im Netz verfügbaren Informationen wächst exponentiell. Der Schlüssel ist der Zugang und das Herstellen von Zusammenhängen, was jeder versteht, der schon einmal gezielt im Internet recherchiert hat. Ist es also ein Zufall, dass das Unternehmen (Google) mit der besten und am weitesten verbreiteten Technologie hierfür heute als das wertvollste der Welt gehandelt wird?

Niedergeschriebenes, explizites Wissen ist weiterhin eine notwendige und wichtige Ressource für jedes Unternehmen – absolut notwendig, aber nicht mehr ausreichend für den Erfolg. Neu für uns ist, dass diese Art von Wissen immer öfter frei im Netz verfügbar ist – und damit „kostenlos“. Auf Basis dieses Wissens lassen sich keine Wettbewerbsvorteile aufbauen, denn es kann ungehindert rezipiert werden.

Es gibt jedoch auch eine andere Art von Wissen, die nicht digitalisiert und kopiert werden kann. „Tacid knowledge“ nennt es Kjell Nordström, praktisches Wissen der Volksmund. Es ist das implizite Wissen, das „Know-how“ eines Meisters, die Handwerkskunst eines Könners oder die Fähigkeit eines Künstlers. Es ist das „Bauchgefühl“ des Unternehmers, mit dem er Entscheidungen trifft, oder das Gespür für den Markt und erfolgreiche Innovationen eines Gründers wie Steve Jobs.
Es kann nicht durch Wort und Schrift übertragen werden, sondern nur durch Erfahrung erlangt und – falls überhaupt – persönlich weitergegeben werden. Eine Anmerkung am Rande: Interessanterweise ist es in Deutschland seit Jahrzehnten gut geübte und weltweit bewunderte Praxis, dieses Wissen in der praktischen Ausbildung in Betrieben neben den theoretischen Schulinhalten an junge Menschen weiterzugeben.

Hier liegt der Schlüssel zur Einmaligkeit und nicht einfach kopierbaren Wettbewerbsvorteilen in den Zeiten des Internets: aus Kundensicht erfolgsentscheidende Merkmale auf der Basis von implizitem Wissen, was so gut wie nicht digitalisiert und kopiert werden kann.

Das Schöne hieran ist: Diese Art von Wissen und Können ist an den individuellen Menschen und seine Talente gebunden. Der Mensch steht damit wieder voll im Mittelpunkt und die Organisationen, die sich hierauf einstellen, werden erfolgreich sein.

Nach zwei Jahrhunderten, in denen zunächst Maschinen, Kapital sowie zuletzt Wissen und Informationen die wichtigsten Ressourcen für den Unternehmenserfolg waren, kann es sein, dass jetzt der Mensch, das Individuum an sich, mit seinen einzigartigen Talenten der Schlüssel für unnachahmliche Wettbewerbsvorteile und damit für den Erfolg sein werden. Die Folgen hiervon inklusive der kommenden Verwerfungen sind noch gar nicht absehbar – aber das Grundprinzip erscheint wunderbar und gibt Hoffnung auf eine noch menschlichere Welt.

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Politik und Zeitgeschehen

Was bringt die Zukunft – wo führt das alles hin?

“Prognosen sind immer schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen.“ (Ebenso unklar ist leider laut Wikipedia, von wem dieses viel genutzte Zitat stammt.)
Wer denkt nicht oft über die Zukunft nach? Voller Freude oder voller Sorge, voller froher Erwartungen oder voller pessimistischer Gedanken? Wer fragt sich nicht, was kommen wird?

Dieser Artikel handelt von der zunehmenden Komplexität und den Herausforderungen, überhaupt noch für die Zukunft zu planen – denn wir scheinen vor den größten Veränderungen der Menschheit der letzten Jahrhunderte zu stehen.

Es gehört zur guten Unternehmensführung, möglichst weitsichtig zu planen und das Unternehmen in die richtige Richtung weiter zu entwickeln. Eine spannende, herausfordernde Tätigkeit – nicht zuletzt deshalb, weil sich die Rahmenbedingungen – die äußeren Umstände – permanent ändern.

Seit vielen Jahren läuft die Planung in unserem Unternehmen dank ausgezeichneter Beratung durch Weismann & Cie. (weissman.de) fast genau nach Lehrbuch. Wir entwickeln eine gemeinsame Vision von der langfristigen Unternehmenszukunft, malen das Bild in unseren Köpfen und bringen es möglichst konkret, fassbar, verständlich und emotional motivierend zu Papier. Auf Basis dieser Vision, der großen Trends in unseren Märkten und in unserer Umwelt sowie unserer eigenen Kernkompetenzen, Stärken und Schwächen entwickeln wir dann die Strategie der nächsten fünf Jahre als den Weg in Richtung dieser Vision. Jedes Jahr setzen wir uns dann die Unternehmensziele mit Teilzielen und Maßnahmen, anhand derer wir uns weiter entwickeln wollen.

Ich bin ein Fan dieses Prozesses, der uns über die Jahre systematisch weiter bringt – wenn wir uns wirklich diszipliniert daran halten.Das funktioniert im Tagesgeschäft mal besser, mal schlechter – aber es funktioniert.

Doch von Jahr zu Jahr werden die Vorausschauen immer kurzfristiger. Selbst die Geschäftsführer von großen, sehr langfristig orientierten Familienunternehmen gestehen unter vier Augen ein, dass sie im Prinzip „nur noch auf Sicht“ fahren und sich die Zukunft in immer dichterem Nebel verbirgt.

Die Weltwirtschaft scheint immer mehr den Wettervorhersagen zu ähneln. Hier lehrte uns bereits in den 80er-Jahren die Chaostheorie der Physik, dass “der Flügelschlag eines Schmetterlings in Australien darüber bestimmen kann, ob in Florida ein Tornado entsteht.“ Auch bei noch so detaillierter Kenntnis der Ausgangslage ist es unmöglich, die Zukunft auch nur annähernd vorher zu sagen. Dies betrifft einfache, nichtlineare Physikexperimente wie ein Doppelpendel ebenso wie unser Wetter oder die Aktienkurse (https://de.wikipedia.org/wiki/Chaosforschung). Der Ökonom Kjell Nordström (http://kjellnordstrom.eu) aus Stockholm beschreibt unsere Gesellschaft in seinem neuesten, äußerst lesenswerten Buch „Urban Express“ als ein „chaotisches System 2. Ordnung“, in welchem wir uns bewegen (http://www.urbanexpress.se/en/). Da diese Nicht-Vorhersagbarkeit solcher Systeme mathematisch erwiesen ist, verblüfft es doch immer wieder, wieviel Aufwand Menschen betreiben, um das Wetter oder die Märkte dennoch langfristig zu prognostizieren. (Anmerkung zum Titel von Kjell Nordström: ein System 2. Ordnung beschreibt man selbstbezügliche Systeme, in der der Beobachter Teil der Beobachtung ist).

Mit einfachen Worten: Jede Prognose der Zukunft ist an den Haaren herbei gezogen, auch wenn sie noch so schlau daher kommt.

Dennoch lassen sich einige Trends erkennen – hier ein paar Stichworte:

Die unglaubliche Verschuldung, angefeuert durch das „billige Geld“ der Null-Zins-Politik: Zins und Zinseszins sind eine Exponentialfunktion und können daher nicht dauerhaft zu einem stabilen System führen. Schulden wachsen überall und auf allen Ebenen dramatisch – in Privathaushalten in der Wirtschaft wie auf allen Länderebenen.

Die Politik versucht mit dem „billigem Geld“ die Wirtschaft „anzukurbeln“: Seit dem Jahr 2008 sind die weltweiten Schulden um mehr als 40% angestiegen – jedoch ohne ein nennenswertes Wachstum zu erzeugen! (Quelle: F. Malik: Navigieren in Zeiten des Umbruchs, 2015)

Wann werden es zu viele Schulden? Wann werden so viele Schuldner ausfallen, dass wie in einer Kettenreaktion das ganze Finanzsystem kippt (was 2008 beinahe geschehen wäre)? Wer glaubt noch ernsthaft, dass diese Schuldenberge jemals zurück gezahlt werden können?

„Megatrend“ demografische Entwicklung: Die Überalterung der Gesellschaft steigt überall auf der Welt drastisch, in den entwickelten Ländern inkl. China in Kombination mit einer extremen Urbanisierung. Hinzu kommt die grade höchst aktuelle, möglicherweise in diesem Umfang noch nie dagewesene Dimension der Völkerwanderung.

Unsere ökologische Entwicklung ist global betrachtet ebenfalls dramatisch. In Deutschland nimmt man dies im Alltag kaum wahr, wer aber nach China oder in andere asiatische Länder reist und erfährt, welche schlimmen Verhältnisse dort in Bezug auf die Qualität von Luft und Wasser herrschen ahnt, dass es zu durchgreifenden Veränderungen kommen muss.

Im Internet findet eine Explosion von Daten statt, die durch die automatisierte DNA-Entschlüsselung im kommenden Jahrzehnt noch einmal vervielfacht wird (Anmerkung: Es wird angenommen, dass die Daten aus der DNA-Entschlüsselung bereits im Jahr 2018 die Daten aller Videofilme im Internet bei Weitem übertreffen werden). Die Bedeutung und Interpretation von Daten wird immer entscheidender, denn im Prinzip sind fast alle Daten schon vorhanden, wir wissen nur nicht wie wir sie richtig verknüpfen und anwenden können…

In der Wissenschaft und Technik stehen wir vor höchst bedeutsamen Durchbrüchen in einer ganzen Vielzahl von Disziplinen: Materialwissenschaften, Energieforschung, Biotechnologie, Robotik, Gentechnologie, Neurologie, Krebsforschung, Wearables, Digitalisierung und Industrie 4.0 – um nur einige Stichworte zu nennen, hinter denen sich in den nächsten Jahren neue Revolutionen verbergen können.

Doch der Philosoph Richard David Precht hat im Oktober 2015 unsere Lage sehr treffend mit einer „portugiesischen Galeere“ verglichen. Es handelt sich hier um eine sogenannte „Staatsqualle“ aus einer ganzen Kolonie voneinander abhängiger, hoch spezialisierter Polypen. Die gesamte Erscheinungsform agiert wie ein einzelnes Lebewesen, ohne dass es irgendwo ein zentrales, steuerndes Organ gibt. Faszinierend – so erscheint es heute auch in unserer Welt zu laufen. Wir haben sehr viele, sehr intelligente und hoch spezialisierte Experten an wichtigen Schlüsselfunktionen unserer Gesellschaft – jedoch scheint es keine steuernde Funktion mehr zu geben.

Stehen wir, wie es Prof. Malik ausdrückt, vor der nächsten großen Transformation in der Menschheitsgeschichte?

Können wir dann als Individuum wie auch als Unternehmen nur noch reagieren und uns nur „auf Sicht“ noch möglichst flexibel aufstellen? Sind Ziele und Strategien jetzt überflüssig, da es sowie anders kommt als man denkt?

Unsere Antwort: ein entschiedenes „Nein!“

Auch wenn wir nicht wissen, wo die Märkte und die Gesellschaft in einem Jahr stehen können und müssen wir uns weiter entwickeln. Je wettbewerbsfähiger und stärker wir als Unternehmen sind, desto eher können wir Krisen meistern und von Veränderungen profitieren.

Es geht darum wie beim Schach Heuristiken oder Handlungsstrategien zu erstellen, um die eigene Position zu verbessern. Auch wenn wir nicht wissen, welche Lösung in Zukunft genau gefordert ist wissen wir dennoch, welche Strategien erfolgsvorsprechend sind: die Stärkung unserer Wettbewerbsposition, unserer Schnelligkeit, unserer Kernkompetenzen und die Nähe zum Kunden und zum Markt.

Klein- und mittelständische Unternehmen sehe ich hier sogar besser aufgestellt: Mit unserer schnellen Anpassungsfähigkeit sollten wir großen Unternehmen grade in Zeiten vieler Veränderungen tendenziell überlegen sein und Chancen, die sich hier unvermeidlich auch bieten, schneller wahrnehmen können.

Stehen wir vor einem neuen Zeitalter, in dem – wie Malik es beschreibt – die Kinder die Welt ihrer Großeltern nicht mehr verstehen können? Es sind spannende Zeiten, doch gerade das macht diese Zeit so lebenswert! Angst ist oft eine reflexhafte Reaktion auf Ungewissheit, doch im Vertrauen auf unsere Stärken als Individuum, als Unternehmen und als Gesellschaft können wir uns auch darüber freuen, mit zu gestalten und so viel Neues erfahren zu dürfen. Wenn ich unsere Lage mit der meiner Elterngeneration während und nach des Krieges vergleiche so empfinde ich unsere Sorgen als klein im Vergleich zu ihren damaligen existenziellen Nöten und bin mehr als dankbar, in der heutigen Zeit in unserem Land leben zu dürfen.

Schaun wir mal ;-)

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