Familien­unternehmer Blog

von Andre Kuhn

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Sind Gewerkschaften eigentlich noch zeitgemäß?

Als Unternehmer bin ich erstmals durch den Zukauf des Unternehmens M. Jürgensen in Sörup mit dem „Ritual“ der Tarif- und Lohnverhandlungen indirekt konfrontiert und stelle mir in den letzten Tagen immer mehr die Frage, ob Gewerkschaften heute noch zeitgemäß sind.

Ein paar Gewerkschafter – und dazu gehört auch der zuständige Mann bei M. Jürgensen – habe ich als ausgesprochen werteorientiert kennen gelernt. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass hier viele Gemeinsamkeiten bei den Ansichten bestehen. Es gibt natürlich leider auch machtorientierte Menschen unter den Gewerkschaftern, denen es in erster Linie um die ihren persönlichen Einfluss und die Macht der Gewerkschaften an sich geht. Auch habe ich „Hardliner“ vorgefunden, die sich aus der Motivation des „Klassenkampfs“ heraus mit einem klaren „Feindbild“ in Richtung Wirtschaft und Unternehmen in Gewerkschaften engagieren und mit denen ein Dialog als Unternehmer fast unmöglich ist. Vielen Menschen, denen ich bisher im gewerkschaftlichen Umfeld begegnet bin, unterstelle ich jedoch erst einmal eine überwiegend positive Motivation. Sie möchten, dass es anderen Menschen besser geht. Sie wollen die Rahmenbedingungen für die Arbeit mitgestalten und für die Menschen verbessern. Diese Motivation ist absolut übereinstimmend mit meiner unternehmerischen Motivation. Ich persönlich bin der Ansicht, als Unternehmer am besten die Rahmenbedingungen für die Menschen nachhaltig gestalten und hoffentlich verbessern zu können – zumindest in dem relativ kleinen Umfeld unseres Familienunternehmens.

Dennoch empfinde ich es als sehr befremdlich, über die Bedingungen in unserem Unternehmen mit Menschen diskutieren zu müssen, die die Mitarbeiter zwar vertreten wollen, aber gar nicht im Unternehmen arbeiten – Menschen, die die Verhältnisse vor Ort immer nur aus den Erzählungen Anderer kennen und die persönlich nicht die langfristigen Konsequenzen der Verhandlungsergebnisse tragen oder verantworten.
Geschichtlich gesehen war die Rolle der Gewerkschaften mit Sicherheit unverzichtbar. Im „klassischen“ Unternehmertum ging es vor 100 Jahren noch um den „Klassenkampf“ von „Ausbeutern“ gegen „Opfer“. Die Arbeiter hatten einzeln zu wenig Macht und brauchten Interessenvertretungen wie Gewerkschaften, um die Rahmenbedingungen zu verbessern.

Die Zeit der Klassenkämpfe ist jedoch schon lange vorbei. Heute herrscht nahezu überall ein gravierender Mangel an Facharbeitern und guten Mitarbeitern – sie sind DER Schlüssel zum unternehmerischen Erfolg. Die Machtverhältnisse haben sich vielfach umgedreht. Die meisten Mitarbeiter haben die Wahl, ihre Arbeitsleistung demjenigen Unternehmen zur Verfügung zu stellen, welches den persönlichen Interessen am ehesten entspricht.

Heute sind es die großen Institutionen wie Konzerne, Banken und Investmentgesellschaften, bei denen es aus meiner Außensicht sinnvoll sein kann, ein Gegengewicht zu erhalten. Ich verstehe hier viele Umstände wie die Prämien für Investmentbanker, die Festlegung von Boni und die Verteilung der erwirtschafteten Leistung nicht. Ob hier die Gewerkschaften eine Lösung bieten, kann ich nicht beurteilen – die Entwicklungen bei Unternehmen wie Volkswagen, wo die Gewerkschaften den wohl größten Einfluss überhaupt haben, lassen mich aber auch daran zweifeln.

In unserem Unternehmen ist es für mich jedoch völlig unverständlich, warum Lohnerhöhungen und Rahmenbedingungen von der Unternehmensseite mit Vertretern von Gewerkschaften verhandelt werden müssen. Diese vertreten immer nur einen Teil der Belegschaft. In erster Linie haben Gewerkschaften aber ganz eigene Interessen. Hierzu zählen ihr genereller Machterhalt und ihre eigenen Strukturen und Hierarchien, die überhaupt nichts mit dem betroffenen Unternehmen zu tun haben. Wie kann es im Interesse eines Mitarbeiters des betroffenen Unternehmens sein, sich nicht durch den selbst gewählten Betriebsrat vertreten zu lassen, den er kennt und dem er vertraut? Wie fühlen sich die Betriebsräte dabei, denen doch das Mandat und das Vertrauen der Belegschaft hier aus der Hand genommen wird? Warum legen Mitarbeiter diese Verhandlung in die Hände Externer, die eher mit demagogischen Parolen Stimmung machen und die Lage vor Ort nie so gut wie die Mitarbeiter und Betriebsräte kennen können?

Der einzige Vorteil für den Mitarbeiter liegt in einem Schutz der Anonymität, den die Funktionäre der Gewerkschaften ihren Mitarbeitern bieten. Hier kann der Mitarbeiter hinter vorgehaltener Hand Forderungen erheben, ohne diese selbst vertreten zu müssen. Ist das noch zeitgemäß? Offenes Feedback und eine werteorientierte, konstruktive Diskussion auf Augenhöhe sehen anders aus.

Unternehmensleitung und Mitarbeiter arbeiten das ganze Jahr über Seite an Seite hart daran, die Kunden zufrieden zu stellen und bessere Leistungen als der Wettbewerb zu bieten und zu entwickeln – bis der Zeitpunkt der Tarifverhandlungen kommt, wo auf einmal Fronten entstehen, wo der Kundenfokus und die Leistung aus dem Blickpunkt geraten und wo mit vielen emotionalen und ideologischen Argumenten – manchmal auch ohne Sachbezug – hantiert wird. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Parole „Jetzt sind wir mal dran“. Wer so spricht, hat eindeutig nicht verstanden, dass die Löhne und Gehälter von unseren Kunden für unsere Leistungen bezahlt werden. Haben Sie schon einmal an der Kasse des Supermarktes erlebt, dass der Kassierer einen Zuschlag auf den Kassenbon setzt und Ihnen diesen mit den Worten „Jetzt sind wir aber mal dran“ und übergibt?

Bei guten Ergebnissen sollen die Mitarbeiter wie die Unternehmensführung und die Eigentümer hieran teilhaben – das verstehe ich und das ist fair. Es gibt gerade für uns mittelständische Unternehmen so viel klare und einfache Lösungen, um alle an dem gemeinsam erwirtschafteten Erfolg zu beteiligen – von Jahr zu Jahr. Dies sind aber immer pragmatische, individuelle und für das entsprechende Unternehmen nachhaltig passende Systeme, die den Interessen von Gewerkschaften zwangsläufig widersprechen.

Solche individuellen, langfristigen Lösungen sorgen dafür, dass es in guten Jahren allen gut geht und auch eine längere Durststrecke gemeinsam durchgestanden werden kann.

Gewerkschaften brauchen wir hierfür nicht. Sie sind daher für diesen Zweck aus der Sicht eines mittelständischen Familienunternehmens nicht mehr zeitgemäß.

Ich wünsche ihnen aber, dass sie sich neu erfinden können und in unserer sich so schnell wandelnden Gesellschaft die sicher dringend benötigten Beiträge für nachhaltige Verbesserungen auf politischer Ebene wie in großen Organisation mitgestalten.