Familien­unternehmer Blog

von Andre Kuhn

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Schwedische Impressionen – oder was haben das deutsche Ausbildungs­system und Mindestlöhne mit Jugend­arbeits­losigkeit zu tun?

Schweden ist ein sehr interessantes Land – nicht nur als Urlaubsziel, sondern auch die dortige Wirtschaft und die Staatsfinanzen zeigten sich bis dato in der Wirtschaftskrise als erstaunlich robust. Da fast alle Schweden hervorragend Englisch oder sogar Deutsch sprechen, konnten wir bei unserer letzten Geschäftsreise gute Einblicke in die dortigen Verhältnisse erhalten – und für Deutschland ein wenig lernen …

Schweden wurde bereits vor 20 Jahren von einer Krise gepackt und hat damals Reformen eingeleitet, die dazu führten, dass der öffentliche Schuldenstand heute bei unter 40 Prozent des Bruttoinlandsprodukts liegt (die europäischen Länder liegen im Vergleich bei 100 Prozent, Griechenland bei mehr als 150 Prozent). Viele Weltmarktführer sind in Schweden zu finden, wie das Magazin „brand eins“ in seiner Ausgabe vom Juni 2013 berichtet (S. 32 ff.). Insgesamt geht es dem Land also gut – im europäischen Vergleich sogar sehr gut.

Dennoch liegt die Jugendarbeitslosigkeit in Schweden bei erstaunlich hohen 25 Prozent. Woran liegt das?

Das Abendessen mit unseren sehr netten, korrekten, offenen und ehrlichen – eben typisch schwedischen – Geschäftspartnern gab hier sehr interessante Einblicke.

Schweden ist ein sehr soziales und konsensorientiertes Land. Schon früh hat man hier flächendeckende Mindestlöhne eingeführt. Der Gedanke dahinter ist ehrbar – die Arbeit jedes Menschen verdient Anerkennung und Wertschätzung. Kein Mensch ist mehr wert als ein anderer Mensch, also darf jeder auch für die Entlohnung seiner Arbeit ein Mindestmaß an Entgelt verlangen – dies wurde per Gesetz festgeschrieben. Arbeit muss einen gewissen Mindest-Lebensstandard ermöglichen. Heute liegt das Mindestgehalt bei ca. 2000 Euro pro Monat.

Auf der anderen Seite gibt es kein betriebliches Ausbildungssystem wie in Deutschland. Junge Menschen können studieren – oder nach der Schule arbeiten gehen. Bei ungelernten Kräften muss ein Unternehmen natürlich zunächst massiv in ihre Ausbildung investieren. Aufgrund des gesetzlichen Mindestlohns erhalten aber selbst Praktikanten ein gesetzlich garantiertes Entgelt.

Die Folge? Kaum ein Unternehmen kann es sich leisten, bei jungen Leuten gleichzeitig in deren  Ausbildung zu investieren und dabei einen monatlichen Mindestlohn von 2000 Euro zu zahlen. Also finden junge Menschen ohne einen guten Studienabschluss kaum eine Arbeitsstelle – und wenn, dann in Dienstleistungsbranchen wie der Gastronomie, die nur eine geringe Ausbildung erfordern.

Dienstleistungen sind daher in Schweden extrem teuer. Ein Abendessen findet sich selten unter 20 Euro pro Person und liegt gerne auch bei 50 Euro, eine Hotelübernachtung kostet in den günstigsten 2-Sterne-Hotels kaum unter 100 Euro pro Nacht. Um die Jugendarbeitslosigkeit einzudämmen, hat daher die Regierung beschlossen, den Mehrwertsteuersatz von 25Prozent seit Anfang 2013 auf die Hälfte für Speisen und Getränke zu reduzieren. Die Wirkung ist jedoch ausgeblieben – auch für 18 anstelle von 20 Euro pro Person kommen nicht viel mehr Gäste, während die Kosten für die Angestellten weiterhin nahezu unbezahlbar bleiben.

Der Mindestlohn ist auch in Deutschland ein heiß umkämpftes Thema. Sicher gibt es viele gute Gründe für die Einführung in manchen Branchen und es gibt Bereiche, wo die Bezahlung gerade im Dienstleistungsgewerbe, z.B. dem Friseurhandwerk, in Deutschland unfassbar gering ist. Eine flächendeckende Einführung von Mindestlöhnen schadet aber immer den schwächsten Mitgliedern der Gesellschaft – den Menschen, die bei geringem Lohn immer noch die Chance auf eine Arbeitsstelle haben. Oft ist dies der Start einer neuen oder ersten Chance im Berufsleben. Es sind nicht die „Ausbeuter von Arbeitgebern“, die dies von den Mitarbeitern verlangen, sondern es ist der Markt, die Kunden und damit jeder Mensch wie du und ich, der für manche Dienstleistungen nur gewisse Summen bereit ist zu zahlen und bei einem zu teuren Angebot seltener ein Restaurant besucht, zum Friseur geht oder auch eine Putzhilfe beschäftigt.

Das soziale Schweden zeigt eindringlich, wohin der Weg führen kann, wenn es die Politik „zu gut“ mit den Menschen meint. Auf der anderen Seite bestätigt sich einmal wieder, was für ein toller Wettbewerbsvorteil das deutsche Ausbildungssystem ist – für jeden Einzelnen wie für unsere Volkswirtschaft insgesamt.